Aus dem Alltag des Jägers

 

Kleiner Hund mit großer Leistung

 

Berichte über Nachsuchen, die in sehr sachlicher oder abstrakter Form verfasst worden sind, erzeugen beim Lesen oftmals eine ermüdende Langeweile. Ich habe mich daher bemüht, sie an meinen Gedanken bei einer Nachsuche teilhaben zu lassen.

 

Es war im Juli als die Hitzeperiode mit Tagestemperaturen von 32 ° Celsius ihren Höhepunkt erreichte. Mein I-phon weckte mich um 23.00 Uhr aus dem Schlaf. Der Anrufer teilte mir mit, dass er um 22.00 Uhr auf eine Sau geschossen habe, die jedoch ohne zu zeichnen geflüchtet sei. Der Schweißhundführer X habe bereits für den nächsten Tag eine Nachsuche, ein anderer Hundeführer habe keinen einsatzfähigen Hund und der Förster Y sei zu einem Seminar abgeordnet. Hierauf antwortete ich, dass ich mich freue die 4. Wahl zu sein und nicht die Fünfte oder Sechste.  Wir verabredeten uns für den nächsten Tag um 8.00 Uhr vor dem Ortseingangsschild des nahegelegenen Ortes.  Als ich dort ankam wurde ich bereits mit den Worten erwartet, ob ich meine rote Schutzkleidung im Wald oder schon jetzt anziehen möchte.  Es war mir fast peinlich zu erwidern, dass ich die Nachsuche mit meiner abgetragenen Lederhose (mindestens 25 Jahre alt) und der US-Feldjacke durchführen werde. Zu meiner Entschuldigung sagte ich noch, dass ich aber ein rotes Basecap dabei habe.

 

Wir konnten fast bis zum Anschuss fahren. Der Schütze hatte von dem Hochsitz senkrecht im Stehen die Sau beschossen, weil sie unmittelbar unter dem Hochsitz verhoffte.  Bevor ich den Anschuss untersuchte, musste ich noch den Schützen bitten, meinen Teckelrüden Benno vom Sachsendachs (siehe Foto) an der Schweißleine zu halten. Der Rüde hatte es sich abgewöhnt, einige Meter vor dem Anschuss abgelegt zu werden. Ich unterließ es daher mit dem Hund zu streiten und wählte diese Art, den Anschuss zu untersuchen. Ich fand Schweiß, den ich nicht zuordnen konnte und Schnitthaar.  Ich möchte nicht unerwähnt lassen, dass es Hundeführer gibt, die auf Grund eines Tropfen Schweiss die genaue Diagnose über Einschuss und Ausschuss machen können. Damit sie keinen falschen Eindruck von mir haben, ich habe im Jahr 1996 meine 400ste Nachsuche auf Schalenwild mit meiner DW-Hündin Tanja vom Spessartjäger (siehe Foto) durchgeführt, die nach 2 Stunden Hetze und Stellen völlig ermüdet war und nach dem Fangschuss neben dem Keiler eingeschlafen ist. Die weiteren Nachsuchen habe ich nicht schriftlich vermerkt.

 

Nun wieder zur Nachsuche. Der Rüde verwies in einer Fichtennaturverjüngung in unregelmäßigen Abständen Schweiss und führte mich durch ein Buchenstangenholz in eine Schwarzdornhecke. Plötzlich vernahm ich hinter mir einen Donner und war taub auf beiden Ohren. Der Schütze konnte die Sau in einer Lücke sehen und beschoss sie unmittelbar hinter mir stehend. Am liebsten hätte ich ihn umgebracht !!! Ich suchte mit dem Hund noch bis zum Wundbett und schnallte ihn. Mit dem typischen Geläut der Kurhaarteckel arbeitete der Rüde die Krankfährte. Vom Anschuss bis zum Schnallen waren es ca. 800 Meter.  Bereits nach wenigen Minuten konnte ich den Hund nicht mehr hören. Ich hatte inzwischen mich der  Feldjacke entledigt, da ich bis auf die Haut durchgeschwitzt war.  Ich hoffte, dass der Hund bei dieser Hitze die Krankfährte hält und gesund wieder zurückkommt.  Allmählich konnte ich wieder hören und wir gingen weiter in die Richtung, wo ich noch den Hundelaut hören konnte. Wir blieben in Abständen stehen, um den Laut des Hundes zu hören; leider vergeblich.  Bei dieser Gelegenheit teilte ich dem Schützen mit, dass bei einer Nachsuche grundsätzlich immer der Nachsuchenführer den Fangschuss auf das Wild abgibt. Plötzlich sagte der Schütze, dass er Hundelaut höre. Aufgrund meines „Hörschadens“ vernahm ich nichts.  Nach ca. 5 Minuten hörte auch ich den Laut. Die Hetze kam in unsere Nähe. Nach einiger Zeit hörte ich Standlaut. Es war ungefähr die Stelle, wo der Rüde geschnallt worden ist. Ich lief zu der Stelle des Lautes und sah in dem Buchenstangenholz wie der Teckel mit  Angriffen den Überläufer beschäftigte. In dem Moment als der Hund dem Schwarzkittel auswich, konnte ich den Fangschuss anbringen. Das Geschoss des Schützen ging senkrecht zum Trägeransatz,  ohne den Brustkorb zu öffnen, so dass das Stück den rechten Vorderlauf nicht mehr  benutzen konnte. Der Lauf hing lediglich noch an einigen Muskeln und Sehnen.

 

Das Stück wurde versorgt und der Schütze holte seinen Pkw. Ich gab ihm meine Autoschlüssel mit, damit er den Napf und die Flasche Wasser für den Hund mitbringt und für mich meine Unterwäsche zum Wechseln der völlig durchgeschwitzten Sachen.

Beim Verabschieden sagte mir noch der Jäger, dass er mich anruft, damit wir zusammen Essen gehen.  In diesem Moment habe ich mich nur nach meiner Dusche zu Hause gesehnt.

 

An dieser Stelle ein waidmannsdank an meine treue Kurzhaarhündin Freya, die beim schreiben dieser Zeilen neben mir auf dem Sofa sitzt und knurrend die

5 Monate alte Teckelhündin  Kirie hindert auf dem Sofa Platz zu nehmen. Mein unvergesslicher Rüde Benno vom Sachsendachs ist leider mit 11 Jahren verstorben. Seine Enkelin Freya hat die gleichen Verhaltensmerkmale wie Benno, so dass der Rüde noch immer „anwesend“ ist.

 

Übrigens auf den Anruf zum Essen warte ich noch immer.

 

Friedhelm L. K. Soost

Autor/Jäger

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